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Der Zopf – Laetitia Colombani

Der Zopf

4/5 ⭐️⭐️⭐️⭐️

Handlung

Auf drei verschiedenen Kontinenten erleben drei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, drei herbe Schicksalsschläge. Dennoch haben sie einen großen Wunsch gemeinsam: Den Wunsch nach Freiheit. In Indien kämpft Smita für eine bessere Zukunft ihrer Tochter und beginnt sich dafür in Lebensgefahr. In Italien steht Giulia vor der Herausforderung, das sizilianische Familienunternehmen ihres schwer verletzten Vaters vor dem Ruin zu bewahren. In Kanada erfährt Sarah von ihrer Brustkrebs- Erkrankung, die ihr Karriereziele als ambitionierte Rechtsanwältin durchkreuzt. Ihr Geschichten hängen zusammen, die Frauen sind miteinander verbunden, ohne dass sie es erahnen können. Die Autorin verflechtet ihre Lebenswege auf erstaunliche Weise zu einem Zopf. 

Die Figuren

Smita

“Der Zopf” beginnt in Indien mit Smids Geschichte. Sie ist eine Dalit, eine „Unberührbare“, die keiner Kaste zugehörig ist und als „unrein“ betrachtet wird. Um überleben zu können muss sie die Toiletten der Reichen mit bloßen Händen leeren und reinigen, ihr Mann ernährt die Familie von selbstgefangenen Ratten. Ihrer Tochter Lalita möchte Smita ein besseres Leben ermöglichen und entschließt sich zu einer gefährlichen Flucht. 

Giulia 

Giulia, eine junge Italienerin, hilft ihrem Vater bei der Arbeit im Familienunternehmen, einer Generationen überdauernder Perückenfabrik. Nach einem tragischen Unfall liegt ihr Vater im Koma und Giulia übernimmt die Verantwortung für das Unternehmen. Eine Welt bricht für sie zusammen, als sie feststellen muss, dass die Fabrik kurz vor dem finanziellen Ruin steht. Mit der Unterstützung ihres neuen Liebhabers versucht sie die Pleite zu verhindern. 

Sarah

Erfolgreiche Anwältin, alleinerziehende Mutter von drei Kindern und Powerfrau. Sarah aus Kanada ist auf ihrer Karriereleiter schon viele Stufen aufgestiegen und strebt noch höhere Ziele an. Für ihre Kinder bleibt kaum Zeit und Energie, Privates trennt sie streng von der Arbeit. Selbst ihre Schwangerschaften hat sie in der Kanzlei verheimlicht. Dasselbe versucht sie nach ihrer schockierenden Diagnose Brustkrebs, jedoch hinterlässt eine Chemotherapie Spuren, die sich nicht überschminken lässt. In der Kanzlei verändert sich für sie alles und ihr Leben gerät aus den Fugen. 

Rezension: 

Zwischen den Geschichten der drei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, hüpft die Autorin hin und her und setzt die Cliffhanger dabei an genau den richtigen Stellen. An den spannendsten Stellen macht sie die Cuts, wodurch ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Außerdem werden die Kontraste der drei unterschiedlichen Lebensweisen durch die Sprünge noch einmal verstärkt.

Besonders schockierend ist Smitas Geschichte. Die Armut und menschenunwürdigen Lebensverhältnissen, in denen sie überlebt sind unbegreiflich, aber leider realitätsnah. Dass in Indien nach wie vor so viel Ungerechtigkeit durch das Kastensystem herrscht, hat mich aufs neue erschüttert. Durch die Art, wie die Autorin schreibt, wird die bedrückende Ausweglosigkeit Smitas zu Beginn des Buchs deutlich, die dann der Entschlossenheit zur Flucht weicht. Besonders berührt hat mich die Liebe Smitas zu ihrer Tochter. Für Lalita nimmt sie all ihren Mut zusammen und wagt den Schritt, obwohl sie Geschichten von Menschen gehört hat, die qualvoll für ihre Fluchtversuche bestraft wurden.

Im Gegensatz zu der Geschichte der Inderin wirkt Giulias Lebens anfangs sehr unbeschwert. Doch auch sie hat mit alten Traditionen zu kämpfen, an denen ihre Mutter festhält und die sie selber durchbrechen möchte. Ob es um die neue Führungsweise des Familienunternehmens geht oder den Mann, in den sie sich verliebt hat, der aber von der Familie nicht akzeptiert würde.

Sarah steht stellvertretend für Frauen, die Kinder und Karriere unter einen Hut zu bekommen versuchen. Anhand ihrer Person wird das Problem deutlich, was viele Frauen im Berufsleben haben, sobald sie Mütter werden: ihre Karriere leidet, die der Männer werden oftmals nicht beeinträchtigt. So steht Sarah unter Dauerstress und Druck, versucht überall als die Starke aufzutreten und verliert sich dabei selbst aus den Augen. Erst durch ihre Erkrankung merkt sie, dass sich daran etwas verändern muss. Was die Autorin im Hinblick auf die Krebserkrankung besonders treffend aufarbeitet, ist die Reaktion des Umfelds. Dass es für Betroffene oft unangenehm sein kann, plötzlich anders von den Mitmenschen behandelt zu werden, wird auch anhand von Sarahs Gefühlswelt beschrieben. 

Giulias und Sarahs Schicksale erscheinen neben Smitas wie Luxusprobleme, Smitas Geschichte wirkt fast schon wie aus einer anderen Welt. Dennoch haben alle drei Frauen gemeinsam, dass sie Einzelkämpferinnen sind und sich mit Gefühlen der Machtlosigkeit und des Gefangen seins konfrontiert sehen. 

Was mir ein bisschen gefehlt hat, war eine Möglichkeit der Identifikation, da alle drei Figuren relativ stereotyp gehalten sind. Dadurch, dass ab einem gewissen Punkt das Ende des Buches zu erahnen war, ist außerdem die Spannung gegen Ende recht schnell verloren gegangen. Dennoch gefällt mir die Grundidee von “Der Zopf” wirklich gut und die Umsetzung ist der Autorin insgesamt ebenfalls gelungen. Besonders positiv empfinde ich, dass Themen bearbeitet werden, die Gesellschaftssysteme und Traditionen hinterfragen. Mit den Schicksalen sind die Frauen im Buch nicht alleine, ihre Probleme sind realitätsnah und zeitnah. Smita, Giulia und Sarah leben vor, wie wichtig es ist, an seinen Träumen festzuhalten und dafür einzustehen. 

Deshalb lege ich Euch den Spiegelbestseller wärmstens ans Herz. 

„Wenn wir in den Spiegel schauen, müssen wir einen Verbündeten erkennen, niemals darf uns der Feind entgegenblicken.“
  • Gattung: Belletristik
  • Autor: Laetitia Colombani
  • Verlag: S. Fischer
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • Seitenzahl: 288 Seiten
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